Weniger Geld, die geplante Einführung von Kern- und Randzeiten, Hilfskräfte, die sich vor 8 Uhr und nach 15 Uhr um die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren kümmern sollen, stetig steigende Kosten sowie die Sorge, dass ein- bzw. zweigruppige Kindertageseinrichtungen langfristig schließen müssen, da sie mit den aktuellen Kindpauschalen nicht mehr tragbar seien.
Die Situation in den Kindertageseinrichtungen im Stadtgebiet Olsberg als auch in der Gemeinde Bestwig sorgt derzeit bei vielen Eltern zunehmend für Besorgnis. Insgesamt zehn Kitas aus Olsberg und den Ortsteilen haben sich deshalb zusammengeschlossen und gemeinsam ein Schreiben an Bürgermeister Patrick Potthoff sowie an die Landtagsabgeordneten Verena Schäffer und Matthias Kerkhoff gerichtet.
In dem Schreiben machen die Eltern deutlich, dass die aktuelle Entwicklung aus ihrer Sicht nicht länger tragbar sei. Sie berichten von steigenden Gruppengrößen, Personalmangel und wachsendem Druck auf die pädagogischen Fachkräfte. Dies habe direkte Auswirkungen auf die Betreuungsqualität und die individuelle Förderung der Kinder.
„Für unsere Kinder bedeutet das weniger Aufmerksamkeit und weniger Förderung. Für die Fachkräfte bedeutet es eine zunehmende Überlastung“, so die Elternvertretungen.
Besonders kritisch sehen die Eltern die geplanten Änderungen im Rahmen der Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz). Zwar werde politisch von mehr Verlässlichkeit und Stabilität gesprochen, in der Praxis zeichne sich jedoch ein anderes Bild ab. Träger und Einrichtungen weisen darauf hin, dass die vorgesehenen finanziellen Mittel die tatsächlichen Kostensteigerungen nicht ausreichend decken.
Nach Angaben eines Trägers steigen die Personal- und Sachkosten derzeit im Durchschnitt um mehr als 22.000 Euro pro Einrichtung. Gleichzeitig herrscht bereits jetzt ein erheblicher Fachkräftemangel, der die Situation zusätzlich verschärft.
Durch die geplante Einführung von Kern- und Randzeiten befürchten die Eltern den häufigen Wechsel von Bezugspersonen im Alltag der Kinder. „Eine stabile Bindung und eine gute Eingewöhnung werden dadurch erheblich erschwert“, sagen sie mit Nachdruck. Gemeinsam wünschen sie sich einen verlässlichen Dialog zwischen Politik, Trägern, Fachkräften und Eltern.
Auch die Leiterinnen und Erzieherinnen der katholischen Einrichtungen in der Gemeinde Bestwig sowie aus der Stadt Olsberg betrachten die Überarbeitung des Kinderbildungsgesetzes mit Sorgen. Auf Plakaten, Hinweisen vor den Einrichtungen, in Elternbriefen und Presseartikeln als auch auf Social Media zeigen sie ihren Unmut und weisen auf die Missstände hin.
Mit Nachdruck sagen sie: „Wir sind sprachlos. Das System der frühkindlichen Bildung geht komplett den Bach runter. Die Landesregierung betreibt mit dem Kibiz-Gesetz eine totale Realitätsverweigerung.“
Der Landtagsabgeordnete der CDU, Matthias Kerkhoff sagt dazu: „Wir wollen die Betreuung für Kinder, Eltern, Beschäftigte und Träger verlässlicher machen. Viele Eltern erleben kurzfristige Gruppenschließungen oder eingeschränkte Öffnungszeiten als große Belastung, hier setzt die Reform an. Die Einführung von Kern- und Randzeiten soll Trägern mehr Flexibilität beim Personaleinsatz ermöglichen, ohne die Qualität abzusenken. Weiterhin werden neun Stunden Kernzeit pro Tag finanziert, die Mindestkernzeit beträgt fünf Stunden täglich. Die Flexibilisierung dient dazu, Schließzeiten zu reduzieren und den Alltag planbarer zu machen. Auch bei den Gruppengrößen bleiben die bisherigen Regelungen der Standard-Gruppengrößen bestehen. Eine begrenzte Überschreitung ist nur in klar definierten Ausnahmefällen möglich und unterliegt engen Vorgaben, wenn sie länger andauert. Dauerhaft größere Gruppen oder Qualitätsverluste sind ausdrücklich nicht Ziel der Reform. Gleichzeitig stärken wir die finanzielle Grundlage des Systems deutlich. Für die frühkindliche Bildung sind im Jahr 2026 rund 6,2 Milliarden Euro eingeplant, so viel wie nie zuvor. Zusätzlich werden ab dem Kita-Jahr 2027/28 jährlich 200 Millionen Euro für Transformationskosten bereitgestellt, bis ein neues, kindbezogenes Finanzierungssystem eingeführt ist. Bereits für das Kita-Jahr 2026/27 stellt das Land 200 Millionen Euro als Überbrückungsfinanzierung bereit. Darüber hinaus stehen 1,5 Milliarden Euro für Investitionen zur Verfügung, die gezielt in den Ausbau und die Modernisierung der Betreuungsinfrastruktur fließen sollen. Künftig werden seitens des Landes jährlich mindestens 50 Millionen Euro zusätzlich gezielt in die Gewinnung, Ausbildung und Qualifizierung von pädagogischem Personal investiert werden.“
Für die Erzieher und Eltern ist das nur Augenwischerei. Sie sagen: „Das ist nur ein Fliegenschiss, wenn die Millionen auf die einzelnen Kitas runtergebrochen werden.“
Konkret fordern sie: Eine gute Bindung statt wechselndem Personal, ortsnahe Kindertagesstätten, die finanzierbar bleiben, Zeit für Gespräche, eine wirkliche Kostenabdeckung, Verlässlichkeit und Stabilität, eine individuelle Begleitung der Kinder, die Förderung von Bildung, Entwicklung und Gemeinschaft, eine realistische Personalplanung sowie als wichtigsten Aspekt, Betreuung statt Verwahrlosung.
Während die CDU für die Gesetzesänderung ist, lehnt der SPD-Unterbezirk HSK die geplante Reform durch die NRW-Landesregierung entschieden ab. Aus ihrer Sicht bleibt das Vorhaben hinter den Erwartungen zurück, denn weder die Kinder noch die Kommunen würden von den Bedingungen profitieren. Stattdessen würden Verschlechterungen in der Betreuungsqualität bei gleichzeitig steigenden Kosten drohen.
Dirk Wiese betont, Bundestagsabgeordneter der SPD: „Gute frühkindliche Bildung darf nicht zeitlich begrenzt sein. Kinder brauchen den ganzen Tag über Förderung und verlässliche Betreuung. Die geplante Aufteilung schafft Unterschiede in der Qualität, die weder familiengerecht noch pädagogisch sinnvoll sind.“
Die SPD sieht zudem große Defizite hinsichtlich der Finanzierung. Die vorgesehen Mittel würden zur Deckung der Kosten mitsamt steigenden Löhnen nicht reichen. Dies verschärfe die finanzielle Lage der Städte und Kommunen zusätzlich und wirke sich negativ auf die Rahmenbedingungen der Kitas aus. Das Konzept sei trotz Novellierung unausgereift und gehe an der Realität der Kindertageseinrichtungen vorbei.
Der SPD-Unterbezirk HSK sagt deshalb mit Nachdruck: „Wer in die Zukunft investieren will, muss bei der frühkindlichen Bildung anfangen und darf hier nicht sparen.“
Die Erzieherinnen aus der Gemeine Bestwig und der Stadt Olsberg stellen geschlossen besorgt zahlreiche Fragen in den Raum: Wie sollen wir die Qualität unserer Arbeit halten, sollte dieser Gesetzesentwurf beschlossen werden? Wer kümmert sich gezielt um die Kinder während der Eingewöhnungsphase? Müssen wir möglicherweise sogar von Kita zu Kita springen? Wie will der Träger das qualifizierte Personal halten? Wie sollen überhaupt noch die wichtigen Gespräche zwischen Tür und Angel mit den Eltern stattfinden können?
Diese und noch viele weitere beunruhigende Gedankengänge stehen im Raum, denn Mädchen und Jungen, die beispielsweise eine Sprachförderung benötigen, Verhaltensauffälligkeiten aufweisen oder Defizite haben, würden demnach zu kurz kommen. Aufgrund der geänderten Kernarbeitszeit fehle einfach die Zeit, intensiv mit diesen Kindern zu arbeiten als auch mit den Eltern ausführlich zu sprechen. Helfer könnten die qualifizierte Arbeit der Fachkräfte während der Randzeiten nicht ableisten.
Deutlich sagen die Erzieherinnen der St. Andreas Kita Velmede, der Christkönig Kita Bestwig, der Kita St. Barbara Ramsbeck, der Kita St. Joseph Bestwig und der Kita St. Anna Nuttlar, dass die anspruchsvolle Arbeit nach dieser Gesetzesänderung nicht mehr zu realisieren sei. Die Kürzungen und Umstrukturierungen gingen komplett zu Lasten der Kinder, der Erzieherinnen als auch künftiger Generationen. Die Kindertagesstätten würden durch diese Kürzungen buchstäblich zu Kinderverwahranstalten mutieren.
„Es ist mit allem zu rechnen“, wird deutlich kommuniziert. „Wir machen uns riesengroße Sorgen um die Mädchen und Jungen in unseren Einrichtungen. Allein während der Eingewöhnungsphase brauchen die Kinder mütterliche Fürsorge und eine feste Bezugsperson, statt wechselnde Helfer in den frühen Morgenstunden.“
Die frühkindliche Bildung, die psychische Belastung, der mögliche höhere Krankheitsstand, die pädagogische Qualität der Arbeit, die Kita als Begegnungsstätte und wichtiger Treffpunkt in den Ortschaften sowie die steigenden Energie- und Reparaturkosten in den Einrichtungen als auch die Instandhaltung und Ausstattung der Gebäude mitsamt notwendigem Bürokratieabbau würde komplett auf Kosten von Kindern und Personal gehen.
In den katholischen Einrichtungen St. Nikolaus Olsberg, St. Laurentius Elleringhausen, St. Martin Bigge und St. Vinzenz Antfeld werden deshalb bis einschließlich Donnerstag, 23. April 2026, Unterschriften gesammelt, um den Gesetzentwurf des KiBiz möglicherweise zu stoppen bzw. ändern zu können. Die Unterschriften werden folgend von den Leiterinnen und Erzieherinnen der katholischen Einrichtungen im Rathaus Olsberg an Bürgermeister Patrick Potthoff übergeben.

Sauerländer Kitas gehen auf die Barrikaden: Sie alle eint die Sorge um die geplante Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz). Viele Kitas sehen sich dadurch finanziell zunehmend unter Druck.
Foto: Claudia Metten
