„Mein Mann ist gerade in New York“, sagt Anne Sauerwald. Ihre Tochter dirigiert derweil einen Miniroboter zum Strand – und sie selbst erkundet gerade einen Wald. Dabei sind alle drei nur wenige Meter voneinander entfernt. Möglich macht das eine Schnupperveranstaltung der VHS Brilon-Marsberg-Olsberg in Kooperation mit der Stadtbücherei Olsberg, um verschiedene Anwendungen mit VR-Headsets auszuprobieren.
Zur Auswahl standen Lernprogramme zur Waldpädagogik oder zur Integration, Google Street View und Spiele wie Tischtennis. Die jüngeren Kinder trainierten derweil in der nebenan gelegenen Bücherei spielerisch ihre Programmierfähigkeiten, indem sie Miniroboter zu einem Ziel steuern mussten. Unmittelbar nach der Öffnung der Räumlichkeiten der VHS Olsberg standen schon die ersten Neugierigen in der Tür. Im Lauf des Nachmittags kamen nicht nur Eltern mit ihren Kindern, sondern auch Einzelpersonen, darunter viele Ältere.
„Ich habe diese VR-Brillen in Filmen gesehen und wollte nun einmal sehen, wie das funktioniert“, sagte ein Herr. Mittels Tastenklick mal eben von Schottland nach Australien rund um den Globus zu reisen, fanden Jung und Alt faszinierend, aber manchen wurde dabei ein bisschen schwindelig. „Ich bin fünf Meter über dem Boden geschwebt“, sagte einer. Nach der unruhigen Städtetour fanden einige Erholung im Wald. „Es war total gut. Ich habe viel über den Wald gelernt“, freute sich Anne Sauerwald.
Die Jüngeren taten sich leichter mit dem Handling, waren ihnen die Bedienungselemente vom Joy Stick her vertraut. Während sich einer in die Wüste „teleportierte“, war ein anderer in der Stadt unterwegs. „Ich sehe Leute“, rief ein Junge aufgeregt – und versuchte mit ihnen zu interagieren. Dies ist aber bei diesem Programm (noch) nicht möglich. „Da waren große Häuser und ich konnte sehr weit sehen“, zeigte sich die zwölfjährige Maria Maiworm beeindruckt. Sie ist gekommen, um Spaß zu haben und was Neues kennenzulernen.
Berufliche und fachliche Nutzung
Auch Interessierte, welche berufliche oder fachliche Nutzungsmöglichkeiten erkunden wollten, kamen vorbei, wie zum Beispiel Petra Ackermann und Manfred Pauly vom Förderverein Historisches Obermarsberg. Im Museum der Stadt Marsberg, welches derzeit umgestaltet wird, soll nach Vorstellung der Planer vermehrt digitale und interaktive Technik Einzug halten. In den VR-Brillen sehen sie ein großes Potential. Allerdings bräuchte es maßgeschneiderte Anwendungen für das Museum.
Christiane Gottschalk und Dirk Haarstrick vom Berufsbildungswerk Bigge nutzten ebenfalls die Gelegenheit. Im Rahmen ihrer integrativen Arbeit könnte zum Beispiel das virtuelle Bewerbungstraining oder ein Mobilitätstraining zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel interessant sein. „Nachdem wir gesehen haben, wie es funktioniert, überlegen wir, wie wir das in unsere bestehenden Konzepte einarbeiten können“, sagte Haarstrick. Mit dem Josefsheim gibt es bereits eine feste Kooperation, erzählte VHS-Mitarbeiter Fabian Blügel, der das Projekt betreut. Hier sollen jetzt Multiplikatoren geschult werden. „Charmant ist, dass man mehrere Brillen gleichzeitig einsetzen kann“, so Gottschalk. Daher eignet sich ihr Einsatz auch im Unterricht.
Einsatz der VR-Brillen bei der VHS
Die VHS hat zunächst einen Satz von 25 Brillen gemietet. „Die Idee ist, die Brillen im Rahmen unserer Integrationskurse zu benutzen“, erklärte Blügel. Die Lehrkräfte haben entsprechende Schulungen erhalten und die ersten Einsätze im Unterricht sind auch schon erfolgt. So fand Google Street View im Rahmen eines Orientierungskurses Anwendung, wo es darum geht, Deutschland kennen zu lernen. Eine andere Lehrerin trainierte das Thema Behördengänge. Weitere Möglichkeiten sind zum Beispiel der Besuch einer Bank, Bewerbungsgespräche und Arbeitsabläufe.
„Die Veranstaltung ist Teil des Projekts ‚VR-VHS für alle!‘, das Virtual Reality gezielt in die VHS-Bildungslandschaft integriert. VR-Technologie wird unter anderem in den Bereichen Integration, Inklusion, berufliche Orientierung und Mobilitätstraining eingesetzt. Zudem sind Schulungen, Workshops und ein VR-Headset-Verleih geplant“, erläuterte Blügel.
Das Projekt wird zu 80 Prozent vom NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft gefördert und ist auf ein Jahr befristet. Die Gesamtkosten betragen 36.000 Euro. Während dieses Zeitraums sollen die diversen Anwendungsmöglichkeiten mit Hilfe des Anbieters ausgebaut und verbessert werden.
Ende des Jahres erfolgt eine Bewertung und dann entscheidet sich, ob eine Fortsetzung oder sogar eine Erweiterung erfolgen kann.
Petra Ackermann und Manfred Pauly vom Förderverein Obermarsberg testeten die VR-Headsets im Hinblick auf eine Anwendung im Museum. Nach einer kurzen Einweisung von IT-Spezialist Alexsey Prymiak (re.) gab es schnell die ersten Aha-Momente.
Bild oben: Lia und Hanna versuchten einen Miniroboter zum Ziel zu steuern, nicht immer gelang das „unfallfrei“.
Fotos: Kristin Sens